Reflective Structures

(2003) 36' /  für Streichorchester und Schlagzeug solo 
Reminiszenz an Beethovens Streichquartett op. 127

Premiere: Juli 2003, Holzhausen; Michael Kiedaisch (Schlgz.), Ensemble KulturGut , Frank Beermann (Dir.)
Auftrag: Stiftung Kunst & Kultur NRW
 

Instrumentation

Schlagzeug solo mit:

  • 5 gestimmten Baumstämmen, Tontopf "in G", gr. Trommel, Toy Piano, zwei Ruten, 1 gr. Zinkwanne mit feinem Kies, 1 Eimer mit Wasser, 1 Eimer mit Steinen, 2 mittelgrosse Kieselsteine

Streicher 4.4.4.4.2 und 3 Ferngeigen

Reminiszenzen

Vielleicht 12 oder 13 Jahre war ich alt, als ich von Beethovens Taubheit erfuhr. Der grosse Komponist - damals für mich eine Gottheit und Inbegriff von Genie - war anscheinend vollkommen gehörlos, als er seine 9. Sinfonie - und sein op. 127 - komponierte. Dass jemand Musik schreiben könnte, ohne sie zu hören, schien mir ebenso unmöglich, wie ein Bild zu malen, ohne sehen zu können. Nachdem ich wenige Jahre später eigene Kompositionsversuche unternommen hatte, wurde mir klar, das diese Erkenntnis nicht zutreffen war. Während man am Schreibtisch komponiert, "hört" man ausser der inneren Stimme sowieso nichts. Diese Erkenntnis vermindert nicht die Tragik des Beethovenschen Leidens, macht das Phänomen aber verständlicher. Man komponiert mit Erinnerungen an erlebte Klänge und auch mit der Vorstellung eigener Zusammensetzungen dieser Erinnerungen. Gerade der Einfluss dieser Erinnerungen an gehörte Klänge ist es aber, wovon man sich frei machen will, wenn man komponiert, da man ja etwas "Eigenes" schreibe soll, muss oder will. Jedoch stehen einem die gleichen 12 Töne zur Verfügung, die schon Bach verwendete, man "spielt" mit den gleichen rhythmischen Synkopen, die Strawinsky einsetzte hat, und so fort. Man kann sich also diesem Einfluss kaum entziehen, kann aber sehr wohl damit umgehen. Mein Auftrag war es, ein Werk zu schreiben, welches Bezug nimmt auf Beethovens Streichquartett Op. 127. Ich wusste, dass das Publikum das Quartett vor meinem Stück zu hören bekommen würde. Es sollte klar sein, dass mein Stück mit dem Beethovenschen Werk zu tun hat. Entschieden habe ich mich für eine "Reminiszenz", also keine Bearbeitung, keinen Variationssatz. Ich wollte mich dem Einfluss dieser Musik Beethovens nicht entziehen, sondern bewusst aussetzen und dann eine eigene schreiben. Über mehrere Monate hinweg hörte ich nun ausgiebig verschiedene Aufnahmen des Streichquartettes an, analysierte die Musik und verinnerlichte sie. Danach konnte ich meinen eigenen Gedanken und Vorstellungen folgen und musste kaum noch darüber nachdenken, was sie mit dem Beethovenschen Vorbild zu tun hatten. Ich vertraute darauf, dass die Musik, die so entstehen würde, weit genug "entfernt" sein würde, um die notwendige künstlerische Distanz zu haben. Anders als bei meinen letzten Arbeiten, in welchen ich Bezug nahm auf andere Musik, um ein aussermusikalisches Statement abzugeben ("14 Versuche Wagner lieben zu lernen", "My God Mozart!" und "Love Hurts - Carmen Remix"), spielen in diesem neuen Werk Zitate kaum eine Rolle. Zitate werden üblicherweise eingesetzt, um eine Verbindung zu Erwartungen und Erinnerungen aufzubauen. Auch das Prinzip der Variation funktioniert nur, wenn der Zuhörer nachvollziehen kann was variiert wird. Bei "Reflective Structures" wird nichts variiert, ich mache auch keine sozialkritischen Aussagen. Mein Nachsinnen über Beethovens Werk galt natürlich nicht nur den Tönen des Vorbilds, sondern auch dem Leben des Komponisten zur Zeit der Entstehung des Streichquartetts. Auch Friedrich Hölderlin, der ebenfalls 1770 geboren und in seinen späteren Jahren aus seiner Erinnerung schöpfen musste, war mir in dieser Zeit präsent. Die "reflektierenden Strukturen", die ich mit dem Titel anspreche, sind dementsprechend nicht nur die Wände und Flächen eines Konzertsaales, sondern auch die in unseren Köpfen, wo die Musik lange nach dem Hören weiter klingt. Da Schöpferisches oft gerade der Begrenzung entspringt, habe ich das Schlagzeuginstrumentarium auf wenige Instrumente und Gegenstände reduziert. Dies ist für den Interpreten zwar eine willkommene Abwechslung, was den Transport betrifft. Es bedeutet jedoch eine grosse Herausforderung, mit so wenig Material Musik zu machen. Mike Svoboda, Juli 2003 

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